INTERVIEWS
Fragen, die man eigentlich nicht stellen sollte
PRICE TAG erzählt seine Geschichte nicht nur über Bilder, Kleidung und Inszenierungen.
PRICE TAG erzählt seine Geschichte auch durch Fragen.
Die Interviews werden von Anna geführt, einer Modemanagement-Studentin aus Berlin. Ursprünglich stammt sie aus Polen und studiert derzeit im vorletzten Semester. Im Rahmen ihrer Abschlussarbeit beschäftigt sie sich mit den Veränderungen der Modebranche, den Auswirkungen der Globalisierung sowie den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen des Fashion-Marktes in Berlin.
Ihre Fragen sind direkt.
Manchmal unbequem.
Manchmal provokant.
Und manchmal genau die Fragen, die sich viele junge Kreative nicht laut zu stellen trauen.
Gemeinsam mit Sven Appelt spricht sie über Partnerschaften, Verantwortung, Kulturförderung, Konsum, Nachhaltigkeit und die Zukunft der Mode.
Die Interviews sind keine klassischen PR-Gespräche.
Sie sind kritisch.
Sie sind ehrlich.
Und sie spiegeln die Herausforderungen wider, vor denen eine ganze Generation junger Designerinnen und Designer heute steht.
Zwischen sinkenden Studierendenzahlen an Modehochschulen, veränderten Konsumgewohnheiten und einer Branche im Wandel stellen die Interviews eine einfache Frage:
Welche Zukunft hat Mode eigentlich noch?
Und wer wird sie gestalten?
Ich bin Anna, 22 Jahre alt und führe diese Interviews.
Frage 1
Anna: Sven, ich bin 22 Jahre alt. Für meine Generation ist Sponsoring selbstverständlich. Warum müssen wir bei PRICE TAG oft erst beweisen, dass wir vertrauenswürdig sind?
Sven Appelt:
Weil ich das Wort Sponsoring eigentlich nicht mag.
Sponsoring klingt immer nach: „Gebt mir Geld.“
Partnerschaft klingt nach: „Lasst uns gemeinsam etwas aufbauen.“
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Wir leben heute nicht mehr in derselben Wirtschaft wie vor zwanzig oder dreißig Jahren. Unternehmen können nicht mehr so agieren wie früher. Viele kämpfen selbst mit Unsicherheiten, Umstrukturierungen und Märkten, die sich komplett verändert haben.
Und wir Deutschen haben uns daran leider nicht unschuldig gemacht.
Wir hatten jahrelang Werbesprüche wie „Geiz ist geil“. Damals fanden das alle lustig. Heute sehen wir die Folgen.
Wir haben uns selbst beigebracht, dass immer alles billiger werden muss.
Dass der niedrigste Preis wichtiger ist als Qualität.
Dass Rabatt wichtiger ist als Wert.
Und irgendwann glaubt die Gesellschaft das auch.
Für mich war „Geiz ist geil“ einer der schädlichsten Werbesprüche überhaupt. Nicht für Saturn oder MediaMarkt. Für uns als Gesellschaft.
Weil er genau das gefördert hat, was wir heute überall sehen:
Misstrauen.
Preisdruck.
Und die Erwartung, dass alles möglichst wenig kosten darf.
Deshalb mussten wir bei PRICE TAG oft erst beweisen, dass wir keine Menschen sind, die einfach nur Geld einsammeln wollen.
Wir mussten erklären, warum wir das machen.
Warum es uns wichtig ist.
Warum dahinter mehr steckt als eine Modenschau.
Und ganz ehrlich?
Das finde ich sogar richtig.
Denn Vertrauen sollte man sich verdienen.
Und nicht kaufen können.
Frage 2
Anna: Mir ist aufgefallen, dass viele Unternehmen aus den Bereichen Mode, Beauty und Lifestyle sehr schnell absagen oder gar nicht antworten. Gleichzeitig waren Banken, Technologieunternehmen oder andere Branchen oft deutlich offener für Gespräche. Täuscht dieser Eindruck oder hat sich die Mode- und Beautybranche in den letzten Jahren zu sehr mit sich selbst beschäftigt?
Sven Appelt:
Nein, dieser Eindruck täuscht überhaupt nicht.
Und ich glaube, man muss auch einmal ehrlich darüber sprechen.
Der Mode-, Beauty- und Lifestylebranche geht es nicht gut.
Das hat nichts damit zu tun, dass Menschen plötzlich nicht mehr gut aussehen wollen oder keine Kosmetik mehr kaufen. Deutschland wird auch in Zukunft Parfüm kaufen, sich schminken, sich gut anziehen und sich präsentieren wollen.
Das Problem liegt viel tiefer.
Die Branche hat sich über Jahre hinweg selbst übersättigt.
Wie viele neue Düfte braucht die Welt wirklich?
Wie viele neue Lippenstifte?
Wie viele neue Kollektionen?
Wie viele neue Varianten desselben Produkts?
Irgendwann schaut der Kunde doch hin und sagt:
„Moment mal. Das ist doch wieder dasselbe Produkt mit einer neuen Verpackung.“
Und genau das passiert gerade.
Die Menschen werden kritischer.
Vor allem eure Generation.
Meine Generation hat konsumiert.
Wir haben Handys gekauft.
Wir haben Schuhe gekauft.
Wir haben Klamotten gekauft.
Wir haben gekauft, gekauft und nochmal gekauft.
Wir waren die Generation des Überflusses.
Ihr seid die Generation der Fragen.
Ihr fragt:
Brauche ich das wirklich?
Woher kommt das?
Wer hat das hergestellt?
Wie lange hält das?
Und genau das verändert den Markt.
Ich finde das übrigens großartig.
Denn ihr seid das Erbe unserer Generation.
Wir haben euch erzogen.
Wir haben euch beigebracht, kritisch zu denken.
Wir haben euch beigebracht, nachhaltiger zu handeln.
Wir haben euch beigebracht, Qualität über Quantität zu stellen.
Und genau das macht ihr jetzt.
Wenn ich meiner Nichte früher gesagt habe: Kauf dir lieber einen guten Mantel, der zehn Jahre hält, statt fünf billige Mäntel, die nach einem Winter auseinanderfallen, dann ist das genau die Denkweise, die ich heute bei vielen jungen Menschen wiedererkenne.
Deshalb überrascht es mich überhaupt nicht, dass Unternehmen aus der Mode- und Beautybranche heute vorsichtiger geworden sind.
Viele kämpfen gerade mit ihren eigenen Problemen.
Viele sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie kaum noch über ihren eigenen Tellerrand hinausschauen können.
Und das merkt man leider auch bei Partnerschaftsanfragen.
Manche Unternehmen lesen die Anfrage nicht einmal richtig.
Nehmen wir Douglas oder McFit als Beispiel.
Dort hatten wir teilweise das Gefühl, dass die Anfrage beantwortet wurde, ohne überhaupt verstanden zu haben, worum es geht.
Dann kommt eine standardisierte Absage zurück.
„So ein Projekt unterstützen wir nicht.“
Und du sitzt davor und denkst:
Moment mal.
Habt ihr überhaupt gelesen, worum es in unserer Anfrage geht?
Habt ihr verstanden, dass es um die Förderung junger Studierender geht?
Dass es um Bildung geht?
Dass es um Verantwortung geht?
Dass es um die Frage geht, welchen Preis Menschen für unseren Konsum bezahlen?
Oder habt ihr einfach auf „Absagen“ gedrückt?
Ich hoffe immer auf Letzteres.
Denn die Alternative wäre deutlich schlimmer.
Und genau deshalb waren viele Gespräche mit Unternehmen außerhalb der klassischen Mode- und Beautybranche oftmals deutlich angenehmer.
Dort wurde häufiger gefragt:
„Wie können wir helfen?“
Und nicht:
„Wie viele Follower hat das Projekt?“
Das war für mich eine der überraschendsten Erkenntnisse von PRICE TAG.
Frage 3
Anna: Wenn ich ehrlich bin, macht mir das Angst. Wir studieren Mode, aber genau die Branche, in der wir später arbeiten wollen, wirkt teilweise am schwierigsten zugänglich. Ist das die Realität, die uns nach dem Studium erwartet?
Sven Appelt:
Wenn ich ehrlich bin?
Ja.
Und nein.
Ja, weil die Branche schwieriger geworden ist.
Nein, weil sie gleichzeitig spannender geworden ist.
Was mir allerdings wirklich Sorgen macht, ist etwas anderes.
Schau dir einmal an, wie sich die Hochschulen verändert haben.
Schau dir an, wie viele Menschen früher Modedesign studieren wollten.
Und schau dir an, wie viele es heute noch wollen.
Da liegen Welten dazwischen.
Früher haben sich junge Menschen um Studienplätze beworben.
Heute kämpfen teilweise Studiengänge darum, überhaupt ausreichend Bewerber zu bekommen.
Das ist kein Problem der Universitäten.
Die UDK kann nichts dafür.
Der Lette Verein kann nichts dafür.
Die AMD kann nichts dafür.
Und die Professorinnen und Professoren können in den meisten Fällen ebenfalls nichts dafür.
Die meisten leisten hervorragende Arbeit.
Das Problem liegt viel tiefer.
Wir haben als Gesellschaft aufgehört, Bildung als etwas Besonderes zu betrachten.
Früher war ein Studium ein Ziel.
Heute wird es oft wie ein Produkt behandelt.
Und das merkt man.
Viele junge Talente gehen für ihren Master längst ins Ausland.
Nach London.
Nach Mailand.
Nach Paris.
Nach Kopenhagen.
Nach Basel.
Weil sie dort Perspektiven sehen.
Weil sie dort Netzwerke sehen.
Weil sie dort Möglichkeiten sehen.
Und das sollte uns eigentlich zu denken geben.
Wenn ich heute mit Studierenden spreche, höre ich immer häufiger denselben Satz:„Warum soll ich meinen Master in Deutschland machen?“
Und das finde ich traurig.
Nicht, weil unsere Hochschulen schlecht wären.
Sondern weil wir als Land offenbar immer weniger in der Lage sind, die besten Köpfe davon zu überzeugen, zu bleiben.
Dabei reden wir ständig über Innovation.
Über Zukunft.
Über Kreativität.
Über Fachkräfte.
Aber wenn die talentiertesten jungen Menschen ihre Zukunft woanders sehen, dann haben wir ein Problem, über das wir viel häufiger sprechen müssten.
Was mich allerdings optimistisch stimmt, sind Menschen wie du.
Menschen, die Fragen stellen.
Menschen, die Dinge hinterfragen.
Menschen, die sich nicht mehr mit der erstbesten Antwort zufriedengeben.
Eure Generation ist deutlich reflektierter als meine Generation es jemals war.
Ihr konsumiert bewusster.
Ihr hinterfragt mehr.
Ihr lasst euch weniger blenden.
Und genau deshalb glaube ich, dass die Zukunft der Mode nicht schlechter wird.
Sie wird nur ehrlicher.
Vielleicht kleiner.
Vielleicht nachhaltiger.
Vielleicht weniger glamourös.
Aber wahrscheinlich deutlich ehrlicher als das, was wir in den letzten zwanzig Jahren erlebt haben.
Und vielleicht ist genau das die Zukunft, die diese Branche gebraucht hat.
Frage 4
Anna: Was hat Dich während der Partnersuche am meisten überrascht?
Sven Appelt:
Am meisten überrascht hat mich die Inkompetenz einzelner Unternehmen im Umgang mit Anfragen.
Das klingt hart.
Ist aber leider meine Erfahrung.
Du investierst Tage und Wochen in ein Konzept.
Du erklärst die Idee.
Du erklärst die Zielsetzung.
Du erklärst, warum es um Bildung geht.
Warum es um junge Menschen geht.
Warum es um Verantwortung geht.
Warum es um die Frage geht, welchen Preis Menschen für unseren Konsum bezahlen.
Und dann kommt eine Antwort zurück, bei der du das Gefühl hast, dass niemand die Anfrage überhaupt gelesen hat.
Nehmen wir Douglas als Beispiel.
Dort kam sinngemäß die Antwort zurück:
„So ein Projekt unterstützen wir nicht."
Und du sitzt davor und denkst:
Moment mal.
Habt ihr überhaupt gelesen, worum es geht?
Habt ihr verstanden, dass hier Studierende mitarbeiten?
Habt ihr verstanden, dass es um Bildung geht?
Habt ihr verstanden, dass wir über Kinderarbeit, Verantwortung und Konsum sprechen?Oder habt ihr einfach nur auf Absagen gedrückt?
Nachdem wir nachgefragt hatten, wurde auf andere soziale Projekte verwiesen.
Und selbstverständlich ist es lobenswert, wenn sich Unternehmen für gesellschaftliche Themen engagieren.
Darum ging es aber gar nicht.
Es ging um die ursprüngliche Frage.
Und die wurde nie beantwortet.
Das ist das, was mich überrascht hat.
Nicht die Absage.
Absagen gehören dazu.
Sondern die Tatsache, dass manche Unternehmen offenbar verlernt haben zuzuhören.
Und genau das ist etwas, das mir in vielen Bereichen unserer Gesellschaft zunehmend begegnet.
Alle reden.
Kaum noch jemand hört zu.
Frage 5
Anna: War die Suche nach Partnern schwieriger als die Entwicklung der Show?
Sven Appelt:
Nein.
Überhaupt nicht.
Die Show ist um ein Vielfaches schwieriger.
Partner anzuschreiben ist Fleißarbeit.
Du recherchierst.
Du schreibst E-Mails.
Du telefonierst.
Du stellst dein Projekt vor.
Irgendwann kommen Zusagen.
Irgendwann kommen Absagen.
Das gehört dazu.
Die eigentliche Herausforderung beginnt danach.
Denn wir haben uns bewusst dagegen entschieden, Logos einfach nur auf eine Wand zu drucken.
Das wäre langweilig.
Das wäre einfach.
Und das könnte jeder.
Wir wollen unsere Partner sichtbar machen.
Jeder wichtige Partner bekommt seine eigene Bühne.
Seine eigene Geschichte.
Seine eigene Inszenierung.
Das bedeutet aber auch, dass jede Partnerschaft Auswirkungen auf die Show hat.
Auf die Kostüme.
Auf die Dramaturgie.
Auf die Bildsprache.
Auf die gesamte Umsetzung.
Und genau das macht die Arbeit so aufwendig.
Was mich allerdings wirklich überrascht hat, war etwas anderes.
Die ersten Zusagen kamen nicht aus der Modebranche.
Nicht aus der Beautybranche.
Nicht aus dem klassischen Handel.
Sie kamen aus der Technologie.
Aus der Infrastruktur.
Aus Bereichen, die mit Fashion eigentlich überhaupt nichts zu tun haben.
Und das zeigt für mich etwas sehr deutlich.
Der klassische Handel befindet sich in einer Krise.
Und viele Unternehmen sind so mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, dass sie kaum noch in der Lage sind, nach links oder rechts zu schauen.
Das ist schade.
Aber es ist die Realität.
Frage 6
Anna: Hat Dich während der Partnersuche etwas besonders enttäuscht? Nicht als Designer, sondern als Mensch?
Sven Appelt:
Ja.
Und das war nicht Douglas.
Nicht McFit.
Nicht irgendein Unternehmen.
Enttäuscht hat mich die Stadt Berlin.
Und zwar nicht wegen fehlender Gelder.
Sondern wegen fehlender Transparenz.
Wenn mir jemand sagt:
„Für dein Projekt gibt es kein Geld.“
Dann ist das völlig in Ordnung.
Damit kann ich leben.
Was ich nicht akzeptieren kann, ist dieses ständige Weiterreichen von Verantwortung.
Diese Zuständigkeitsschleifen.
Dieses:
„Fragen Sie dort nach.“
„Fragen Sie hier nach.“
„Dafür sind wir nicht zuständig.“
„Dafür ist jemand anderes zuständig.“
Und am Ende weiß niemand etwas.
Oder zumindest entsteht dieser Eindruck.
Ein konkretes Beispiel war meine Kommunikation mit dem Bezirksamt Mitte-Tiergarten.
Dort wurde mir ausdrücklich erklärt, an welche Institutionen ich mich wenden solle. Mir wurde vermittelt, dass diese Einrichtungen von Fördermitteln profitieren beziehungsweise entsprechende Mittel weiterreichen oder verwalten würden.
Also habe ich genau das getan.
Ich habe telefoniert.
Ich habe geschrieben.
Ich habe nachgefragt.
Und genau dort begann meine Irritation.
Nachdem ich den Hinweisen des Bezirksamtes Mitte-Tiergarten gefolgt war und anschließend bei den genannten Institutionen nachfragte, erhielt ich teilweise völlig andere Auskünfte.
Mehrere der genannten Stellen erklärten mir, dass die dargestellten Zusammenhänge so nicht zutreffen würden oder dass die beschriebenen Förderstrukturen in dieser Form nicht existieren würden.
Und genau an diesem Punkt beginnt für mich das eigentliche Problem.
War die ursprüngliche Auskunft falsch?
War sie missverständlich?
Oder wusste die Person selbst nicht genau, wovon sie spricht?
Ich weiß es bis heute nicht.
Und genau das ist das Problem.
Daraufhin habe ich bei der Senatsverwaltung nachgefragt.
Dort wurde mir mitgeteilt, dass die Angelegenheit geprüft werde.
Und plötzlich sitzt du da und fragst dich:
Wie kann es sein, dass man als Bürger eine einfache Frage stellt und nach Wochen noch immer nicht weiß, welche Aussage eigentlich richtig war?
Das macht mir Angst.
Nicht wegen PRICE TAG.
PRICE TAG wird stattfinden.
Daran habe ich keinen Zweifel.
Aber was passiert mit den Menschen, die nicht so hartnäckig nachfragen?
Mit den Studierenden?
Mit den jungen Designerinnen und Designern?
Mit den Menschen, die gerade erst anfangen?
Wenn selbst erfahrene Personen Schwierigkeiten haben, herauszufinden, wer zuständig ist und welche Informationen überhaupt stimmen, wie soll sich dann eine neue Generation orientieren?
Wie soll Vertrauen entstehen?
Wie soll man lernen, Verantwortung zu übernehmen, wenn man nicht einmal nachvollziehen kann, wie Entscheidungen zustande kommen?
Und genau dort beginnt mein eigentliches Problem.
Wir reden ständig über Kulturförderung.
Wir reden ständig über Kreativwirtschaft.
Wir reden ständig über Millionenbeträge.
Wir reden ständig über Fördertöpfe.
Wir reden ständig über Programme.
Aber sobald man konkrete Fragen stellt, wird es erstaunlich unübersichtlich.
Und noch etwas hat mich zum Nachdenken gebracht.
Immer wieder wird erklärt, dass externe Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften eingebunden seien, damit Förderprogramme, Mittelverwendungen und Prozesse geprüft werden.
Dann fallen Namen wie KPMG oder McKinsey.
Und selbstverständlich verstehe ich, dass öffentliche Gelder kontrolliert werden müssen.
Das ist richtig.
Das ist wichtig.
Aber als Außenstehender stellt man sich irgendwann zwangsläufig eine einfache Frage:
Wie viel Geld fließt eigentlich in die Förderung?
Und wie viel Geld fließt in die Verwaltung, Prüfung und Kontrolle dieser Förderung?
Das ist keine Unterstellung.
Das ist eine Frage.
Und genau diese Fragen sollten in einem transparenten System beantwortbar sein.
Denn Transparenz bedeutet nicht, dass man auf einer Website schreibt, man sei transparent.
Transparenz bedeutet, dass Bürger, Kreative, Studierende und Unternehmen nachvollziehen können, wie Entscheidungen getroffen werden und wohin Gelder tatsächlich fließen.
Für mich ist Transparenz keine Nebensache.
Transparenz ist die Grundlage von Vertrauen.
Und Vertrauen ist die Grundlage jeder Partnerschaft.
Nicht nur in der Wirtschaft.
Sondern auch in Politik, Kultur und Gesellschaft.
Wenn du mich also fragst, was mich am meisten enttäuscht hat, dann lautet die Antwort:
Nicht die fehlende Förderung.
Nicht die fehlenden Zusagen.Sondern die Tatsache, dass man manchmal mehr Energie dafür aufwenden muss herauszufinden, wer zuständig ist, als für das eigentliche Projekt selbst.
Frage 7
Anna: Viele Studierende glauben, dass sie ohne wohlhabende Eltern, Investoren oder große Förderungen niemals eine eigene Show realisieren können. Hältst Du das für eine übertriebene Angst – oder für ein reales Problem unserer Generation?
Sven Appelt:
Ich glaube nicht, dass man Angst haben muss.
Ich glaube, man muss verstehen, in welcher Stadt man arbeitet.
Berlin hat über viele Jahre einen Ruf aufgebaut, der nicht immer positiv war.
Es gab die großen Zeiten der Fashion Week.
Es gab Mercedes-Benz.
Es gab IMG.
Es gab große Namen.
Aber es gab eben auch viele Dinge, die dazu geführt haben, dass Partner vorsichtiger geworden sind.
Und es gibt bis heute kleinere Veranstaltungen, die Geld einsammeln, große Versprechungen machen und am Ende wenig liefern.
Natürlich bleiben solche Erfahrungen bei Unternehmen hängen.
Und natürlich fragt sich ein Partner irgendwann:
Warum soll ich einem Berliner Label vertrauen?
Warum soll ich hier investieren?
Warum soll ich Zeit, Geld oder Ressourcen bereitstellen?
Das Problem ist nicht die Mode.
Das Problem ist Vertrauen.
Und genau deshalb machen wir diese Interviews.
Wir wollen jungen Menschen zeigen, dass sie keine Angst haben müssen.
Sie müssen nur lernen, Verantwortung zu übernehmen.
Denn am Ende interessiert niemanden, ob deine Eltern reich sind.
Niemanden interessiert, ob du einen Investor hast.
Die Frage lautet:
Kannst du Menschen überzeugen?
Kannst du Verantwortung übernehmen?
Kannst du liefern?
Kannst du Vertrauen aufbauen?
Denn genau daraus entstehen Partnerschaften.
Nicht aus Geld.
Sondern aus Glaubwürdigkeit.
Frage 8
Anna: Nach allem, was wir gemeinsam erlebt haben: Braucht man für eine Modenschau heute mehr Talent, mehr Geld oder mehr Durchhaltevermögen?
Sven Appelt:
Durchhaltevermögen.
Hundert Prozent.
Talent hast du oder du hast es nicht.
Darüber kann man lange diskutieren.
Aber Talent allein bringt dir gar nichts.
Und Geld wird überschätzt.
Natürlich kannst du mit viel Geld eine größere Bühne bauen.
Du kannst mehr Technik mieten.
Du kannst mehr Werbung schalten.
Aber Geld bringt dir keine Erfahrung.
Und Geld bringt dir keine Verantwortung.
Viele Menschen lernen erst dann wirklich etwas, wenn sie auf Partner angewiesen sind.
Wenn sie Zusagen brauchen.
Wenn sie Absagen bekommen.
Wenn sie Probleme lösen müssen.
Wenn sie Menschen überzeugen müssen.
Genau dort entsteht Erfahrung.
Und genau dort entsteht Wachstum.
Für mich war die wichtigste Erkenntnis immer:
Man darf eine Absage niemals persönlich nehmen.
Heute sagt jemand Nein.
Nächstes Jahr sagt dieselbe Person vielleicht Ja.
Deshalb sollte man Brücken niemals abbrechen.
Man sollte sie bauen.
Und manchmal besteht Durchhaltevermögen einfach darin, freundlich zu bleiben, obwohl man gerade die zehnte Absage hintereinander erhalten hat.
Das ist deutlich schwerer, als viele glauben.
Frage 9
Anna: Wir haben über Sponsoren, Vertrauen, die Vergangenheit der Berliner Modeszene und die Schwierigkeiten junger Designer gesprochen. Aber ist das nicht auch ein Whataboutism? Besteht nicht die Gefahr, dass wir die Verantwortung für unsere eigene Zukunft auf die Fehler anderer schieben?
Sven Appelt:
Ich liebe diese Frage.
Wirklich.
Weil sie etwas anspricht, worüber viel zu wenig gesprochen wird.
Whataboutism begegnet dir überall.
In der Politik.
In Unternehmen.
In Verwaltungen.
Im Alltag.
Und oft wird er benutzt, um von einem Problem auf ein anderes Problem auszuweichen.
Aber berechtigte Kritik ist kein Whataboutism.
Wenn etwas nicht funktioniert, muss man darüber sprechen dürfen.
Wenn Transparenz fehlt, muss man das benennen dürfen.
Wenn Partner schlechte Erfahrungen gemacht haben, muss man darüber sprechen dürfen.
Wenn Strukturen nicht funktionieren, muss man sie hinterfragen dürfen.
Das ist keine Ausrede.
Das ist Verantwortung.
Der eigentliche Fehler beginnt dort, wo Menschen Kritik benutzen, um nichts mehr tun zu müssen.
Dort wird Kritik zur Ausrede.
Und genau das lehne ich ab.
Ich persönlich versuche Probleme möglichst schnell loszuwerden.
Vielleicht klingt das radikal.
Aber Probleme werden nicht kleiner, wenn man sie ignoriert.
Sie werden größer.
Deshalb spreche ich Dinge lieber direkt an.
Nicht um Streit zu erzeugen.
Sondern um sie zu lösen.
Und genau deshalb finde ich, dass berechtigte Kritik niemals gefährlich ist.
Gefährlich wird es erst, wenn Menschen keine Kritik mehr zulassen.
Denn wer Verantwortung trägt, muss auch Kritik aushalten.
In Unternehmen.
In der Politik.
In der Verwaltung.
Überall.
Und vielleicht ist das die wichtigste Lektion überhaupt:
Kritik ist keine Bedrohung.
Kritik ist die Voraussetzung dafür, dass Dinge besser werden können. Und vielleicht führt uns das direkt zum nächsten Interview.
Denn viele der Probleme, über die wir heute sprechen, sind für mich auch Generationsfragen.
Nicht alle.
Aber viele.
Ich habe grundsätzlich kein Problem damit, dass Menschen mit 70 Jahren noch arbeiten.
Im Gegenteil.
Wenn jemand arbeiten möchte, soll er arbeiten.
Wenn jemand sein Wissen weitergeben möchte, soll er das tun.
Wenn jemand junge Menschen unterstützen möchte, ist das sogar etwas Wunderschönes.
Womit ich allerdings ein Problem habe, ist die Frage der Verantwortung.
Denn ich bin der Meinung, wenn ein Staat festlegt, dass Menschen mit 65 Jahren in Rente gehen dürfen, dann sollte man zumindest darüber diskutieren dürfen, ob auch bestimmte Macht- und Entscheidungspositionen irgendwann an die nächste Generation übergeben werden sollten.
Nicht weil ältere Menschen weniger wert wären.
Sondern weil jede Generation ihre eigene Zeit hat.
Ihre eigenen Erfahrungen.
Ihre eigenen Fehler.
Und ihre eigenen Lösungen.
Ich persönlich glaube nicht daran, dass Fortschritt entsteht, wenn Menschen jahrzehntelang an Positionen festhalten.
Ich glaube daran, dass Fortschritt entsteht, wenn Erfahrung weitergegeben wird.
Und wenn Verantwortung weitergereicht wird.
Wer mit 65 oder 70 Jahren noch aktiv sein möchte, sollte unterstützen, beraten und begleiten.
Aber irgendwann muss auch Platz entstehen für neue Perspektiven.
Für neue Ideen.
Für neue Denkweisen.
Denn es bringt wenig, an Konzepten festzuhalten, die über Jahre nicht funktioniert haben, während gleichzeitig eine neue Generation darauf wartet, Verantwortung übernehmen zu dürfen.
Für mich ist das keine Frage des Alters.
Sondern eine Frage des Respekts.
Respekt gegenüber der eigenen Lebensleistung.
Und Respekt gegenüber den Menschen, die nach uns kommen.
Genau darüber werden wir im nächsten Interview sprechen.
Über Generationen.
Über Verantwortung.
Über die Babyboomer.
Und über die Frage, wem die Zukunft eigentlich gehört.
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